Eine Mark zwanzig
Mein erstes Geld war beim Kaminski, der Bäckerei bei uns an der Ecke. Samstags habe ich da Brötchen verkauft, vierzehn war ich, so um neunzehnhundertsechzig. Um sechs Uhr früh standen wir schon hinterm Tresen. Und dieser Geruch morgens: warme Brötchen, Mehlstaub und der Bohnenkaffee von Frau Kaminski, den sie sich nur samstags gönnte. Eine Mark zwanzig habe ich für den Vormittag bekommen.
In eine Keksdose kam das, so eine alte Blechdose, und die kam unters Bett. Ich habe gespart, ich wollte unbedingt ein Fahrrad. Ein blaues. Es stand bei Zweirad Löffler im Schaufenster, an der Bochumer Straße, vierundsechzig Mark hat es gekostet. Und ich bin jeden Schultag einen Umweg gegangen, nur um daran vorbeizugehen und es anzuschauen.
Gekauft habe ich es nie. Denn jeden Samstag nach der Arbeit brachte ich meinem kleinen Bruder Karl eine Bravo und eine Tüte Ahoj-Brause vom Kiosk mit. Wir setzten uns auf die Treppe und machten die Tüte zusammen leer. So wurde aus dem Fahrradgeld unser Samstagsgeld.
„Das blaue Fahrrad habe ich nie gekauft. Aber Karls Gesicht, jeden Samstag, wenn ich die Tür aufmachte, das war jede Mark wert.“



